Yoga und Essen - was, wie viel, wann und wie?
Eine häufige Frage, die wir yunis oft gestellt bekommen bezieht sich auf die „richtige Ernährung“ vom yogischen Standpunkt aus. Leider gibt es immer noch Meinungen, dass Yogis und Yoginis auf Kaffee, Schokolade, Fleisch und anderes verzichten MÜSSEN. Schauen wir uns mal an, was wir von einem yogischen Standpunkt aus sagen können...
WAS?
Da sei gleich mal gesagt, dass Yoga kein System mit Verboten ist. Yoga zwingt die Menschen nicht, blind Regeln zu befolgen. Yoga möchte die Menschen befreien von Dogmen, von mechanischem Verhalten, vom blinden Befolgen von Regeln! Regeln zu folgen ist der einfache Weg - wir brauchen selber nicht nachdenken, nicht herausfinden was uns gut tut. Stures Befolgen von Regeln lässt unsre Sinne abstumpfen - ein waches, bewusstes Wählen der Nahrung hingegen verbindet uns immer noch tiefer mit unserer inneren Weisheit. Regeln tragen uns immer weiter weg von uns selbst. Wir hören so viele scheinbar kluge Ratschläge, es gibt so viele Diäten, Vorschriften, so viel Zwang, so viele Irrtümer, dass wir nicht mehr wissen was wir glauben sollen. Tiere wissen instinktiv, was sie essen und was sie meiden sollen. Wir Menschen aber haben der Nahrung ihren grundsätzlichen Sinn entzogen und sind jetzt verwirrt und unsicher.
Wenn wir ernsthaft Yoga praktizieren heißt es in erster Linie, dass wir endlich unser Leben in die Hand nehmen statt es von anderen Menschen oder von Umständen lenken zu lassen. BKS Iyengar meint, es gehört zur Pflicht einer Yogini/eines Yogi, für sich selbst herauszufinden, welche Nahrungsmittel gut tun und welche nicht gut tun. Wir sind nun mal alle einmalig - zB können manche Menschen Rohes nicht gut verdauen, andere eben schon. Wir können uns BKS Iyengar nur anschließen. Dieser Text beinhaltet deshalb keine Ernährungstipps, keine Regeln. Wir sparen hier bewusst eine Aufzählung von Nahrungsmitteln aus. Du findest hier Ideen, das Essen neu zu sehen, neu zu entdecken und hoffentlich ein bisschen die Schwere und den Zwang aus dem Essen zu nehmen und eine neue Freude zu finden!
Wir entdecken mit Hilfe von Yoga-Asanas mehr und mehr, was unser Körper braucht, was ihm gut tut und was nicht. Wir fangen wieder an, darauf zu vertrauen, dass der Körper weiß was er braucht. So können wir auch bei der Auswahl unsrer Nahrung auf den Körper hören und entsprechend unseren eigenen (aktuellen) Bedürfnissen essen. Ayurveda rät zum Beispiel, die Nahrungsmittel entsprechend der Saison zu wählen: Orangen beispielsweise kühlen den Körper - deshalb wachsen sie bei uns im Winter auch nicht. Greifen wir also besonders zu jenen Nahrungsmitteln, die in dem Klima wachsen in dem wir auch leben (und wachsen). Die Natur bietet uns immer einen passenden Menüplan!
Schon von Anfang an war den YogiNis bewusst, dass Nahrung mehr ist als einfach die Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen. Im Yoga heißt unser physischer Körper „annamaya kosha“ - die aus Nahrung gemachte Hülle. Wir sind was wir essen. Manche Nahrungsmittel machen nicht nur den Körper träge, sondern auch den Geist matt und stumpf. Wir alle kennen das: nach dem Essen fühlen wir uns müde, träge und möchten uns am Liebsten hinlegen und schlafen. Doch eigentlich sollte uns die Nahrung doch nähren, oder?
Yoga und Ayurveda raten zu so genannter sattvischer Ernährung: ausgleichend, nährend und - ganz wichtig - gut zu verdauen. Unser Essen soll uns nicht im Magen liegen. Mit unserer Nahrung möchten wir nicht nur einen hungrigen Bauch füllen, sondern sollten uns als Ganzes erfüllt fühlen. Unserer geistigen Weiterentwicklung zu Liebe sollten wir Nahrungsmittel wählen, die uns dieses erfüllte, genährte Gefühl geben, dem Körper die nötige Kraft spenden und dem Geist die Fähigkeit klar zu denken.
WIE VIEL?
So wie in der Asanapraxis versuchen wir auch beim Essen das richtige Maß zu finden zwischen zu viel und zu wenig. Das richtige Maß müssen wir für uns selbst finden - Ayurveda weist darauf hin, dass die individuelle Konstitution eines Menschen immer zu berücksichtigen ist: manche Typen essen mehr auf einmal und sind dann lange satt, andere essen öfter und kleinere Mengen. Wie ist es bei dir?
Wir finden in vielen alten Texten den Hinweis, dass ein Yogi/eine Yogini sich nicht überessen soll. Wir wissen, wie es sich anfühlt, zu viel gegessen zu haben, oder? Wenn wir dieses Gefühl bewusst wahrnehmen - die Schwere, die Trägheit - dann spüren doch genau, dass wir uns so nicht fühlen wollen. Und wir haben es jeden Tag in der Hand die Verantwortung für unser Wohlbefinden zu übernehmen und so viel zu essen, dass wir uns nach dem Essen wohl fühlen.
Weiters sollen YogiNis auch nicht zu wenig essen. Wir müssen den Körper nähren, ihn aufbauen - wir brauchen ja auch Kraft für unsere Asanapraxis und den Alltag!
Dabei suchen wir das richtige Gleichgewicht zwischen Kohlenhydraten, Eiweißen, Fetten, Vitaminen und Mineralstoffen, damit wir ein spannendes Gemisch an verschiedensten Geschmäckern haben - die Gerichte so bunt wie das Leben selbst.
Auch ist im Yoga immer schon wichtig gewesen, dass die Nahrung geachtet wird, nicht verschwendet wird. Wir leben im Überfluss und das spiegelt sich im Umgang mit der Nahrung wider. In dieser unendlichen Fülle an Auswahl von Goji Beeren bis Süßkartoffeln sollten wir darauf achten, dass wir nur kaufen/nehmen, was wir brauchen und auch essen können. Wenn ein Großteil der Nahrung im Mistkübel landet, würde jenen Menschen, die nicht so selbstverständlich zu essen haben wie wir, das Herz bluten. Ein überlegter Einkaufszettel, ein gezielter Einkauf frei von Gier und voller Achtsamkeit wäre also schon yogisch!
WANN?
Essen wir doch einfach, wenn wir hungrig sind. Klingt logisch, oder? Aber wenn wir ehrlich sind und überlegen: Wie oft essen wir aus anderen Gründen? Aus Langeweile, Frust oder Einsamkeit? Wollen wir nicht manchmal eine innere Leere mit Essen ausfüllen? Versuchen wir noch mehr auf den Körper zu hören und die Signale wieder zu verstehen. Wie fühlt sich Hunger an? Wie können wir uns - abgesehen von Essen - sonst noch nähren um andere Bedürfnisse zu erfüllen?
WIE?
Da wäre noch das WIE? Du weißt ja, die Asanas (Körperhaltungen) werden erst zu Asanas, wenn wir sie mit einer speziellen inneren Haltung - mit Achtsamkeit, liebevoll, voller Freude und Hingabe - ausüben. Ohne diese innere Einstellung wären die Bewegungen nichts als Krafttraining oder Stretching. Irgendwann eignen wir uns diese spezielle innere Haltung so sehr an, dass wir nicht nur die Asanas sondern mehr und mehr auch Alltagstätigkeiten in Achtsamkeit ausführen. Und dieses spezielle Bewusstsein sollten wir auch unsrem Essen widmen. Eine positive Atmosphäre beim Essen, eine liebevolle Zubereitung - all das lässt das Essen noch besser schmecken und besser verdauen.
Versuchen wir, uns bewusst zu machen, dass wir mit jedem Bissen alle Elemente essen - Wasser, Luft, Erde usw. alles hat dazu beigetragen, dass wir Nahrungsmittel haben und essen können. Wir nehmen mit unsrer Nahrung einen Teil dieser schönen Erde auf. Essen wir mit Genuss und Achtsamkeit! Und selbst wenn es sich immer wieder mal nicht vermeiden lässt und wir essen schnell mal was im Auto oder im Vorbeigehen - dann sind wir uns bewusst, dass es momentan nicht anders möglich ist ohne uns Vorwürfe zu machen. Essen wir nicht mit einem schlechten Gewissen, sondern mit purem Genuss!
FRISCH, FAIR UND MIT FREUDE!
Letzte Anregungen von deinen yunis - übrigens auch wir haben alle unsre unterschiedliche, unsre eigene Auswahl an Nahrungsmitteln - aber hier stimmen wir überein:
- Lösen wir uns von Extremen und erlegen uns keinen Zwang auf. Vielleicht können wir einfach schätzen, dass wir über so viel Nahrungsangebot verfügen, dass wir jedes Mal aufs Neue wählen können, was uns heute gut tut.
- Lassen wir uns nicht von Gewohnheit dominieren in der Wahl der Nahrung. Vertrauen wir dem Körper, dass er weiß was er braucht - das Körperbewusstsein, das wir mit Yoga aufbauen hilft uns auch bei der Auswahl der Nahrungsmittel.
- Nehmen wir uns Zeit, das Essen zu schmecken (und zu kauen), zu riechen und zu genießen.
- Setzen wir uns hin und essen in Ruhe in einer friedlichen Umgebung.
- Nach dem Essen sollen wir uns gut fühlen - gestärkt und erfüllt.
- Bereiten wir liebevoll und achtsam unser Essen zu. Gehen wir sorgsam mit der Nahrung um und verschwenden wir sie nicht.
- Finden wir - jede/r für sich - heraus, was uns gut tut und lassen andere frei entscheiden, was sie essen möchten.
- Achten wir auf eine hohe Qualität der Nahrungsmittel.
- Versuchen wir kurze Lieferwege zu unterstützen (und entsprechende Nahrungsmittel auszuwählen) und wenn es längere Wege sein müssen (Kaffee, Tee) bevorzugen wir fair gehandelte Produkte.
- Essen wir mit Genuss, Freude und Dankbarkeit.
Hier noch ganz konkrete Tipps:
- Vor dem Essen: setz dich in Ruhe hin, nimm dir Zeit - schalte das Handy, den Fernseher aus. Schließ einen Moment lang die Augen nimm einen tiefen Atemzug. Dann öffne die Augen und schau dir dein Essen genau an - die Farben, Formen und rieche auch die Düfte. Finde ein Gefühl von Dankbarkeit, du nährst jetzt deinen Körper. Mach dir auch bewusst, wie viele Menschen dazu beitragen, dass du diese Nahrungsmittel jetzt vor dir hast - angefangen von Bauern/Bäuerinnen bis hin zu den VerkäuferInnen in den Supermärkten. Versuch auch die Sonne zu sehen, die die Nahrungsmittel zum Reifen gebracht hat, die Erde, das Wasser und die Luft - alles ist mit drin.
- Schaffe eine angenehme, stressfreie Atmosphäre: Besprich während dem Essen nichts, das dich ärgern oder aufregen könnte. Lass auch deine Kinder noch vor dem Essen von der Schule oder von Problemen erzählen, damit sie dann in Ruhe ihr Essen genießen können.
- Wenn du isst dann iss wirklich: genieße jeden Bissen, jede Geschmacksnote, die Konsistenz UND iss ohne schlechtes Gewissen. Du wirst sehen, wenn du langsam und bewusst isst, wirst du besser spüren, wann du genug hast und dich nicht überessen. Du wirst so immer besser mit deinem Körper zusammenarbeiten und beurteilen können, was dir gut tut.
- Wenn dich die Lust auf Süßes überfällt probier mal Folgendes: Leg die Schokolade (oder was auch immer) vor dich hin, schalte alle Ablenkungen (zB Fernseher) aus, schließ die Augen und atme 5-mal tief ein und aus. Nimm wahr wie es dir geht - achte besonders ob du traurig bist, frustriert, ob du dich allein fühlst oder vernachlässigt, ist Ärger da oder Stress? Wenn du ein paar Momente lang bewusst die Situation, deine Stimmung wahrnimmst hast du die Gewohnheit schon unterbrochen. Jetzt hast du die Kontrolle wieder, jetzt kannst du bewusst entscheiden - und eine bewusste Entscheidung (wie auch immer sie aussieht) erspart dir danach auch das schlechte Gewissen.
- Wenn du dich doch mal erst danach ertappst - nachdem du dich schon überessen hast, oder nachdem der Süßgusto mehr als gestillt wurde - lächle dir selbst liebevoll zu und verzeih dir. Es hilft deinem Körper gar nicht, wenn du dich auch noch ärgerst und ihn mit einem schlechten Gewissen belastest, oder? Nimm dir vor, jetzt wieder achtsamer zu sein und wieder besser auf deinen Körper zu achten.
Frisch und unbelastet, biologisch einwandfrei und - soweit es möglich ist - fair gehandelt - das kann einfach nur schmecken, oder? Lös dich ein wenig von den Listen - Nahrungsmittel sind direkt erfahrbar! Spür sie beim Zubereiten, riech sie, schmeck sie, hab Freude - lass sie dir auf deiner Zunge zergehen bzw. kau sie genussvoll! Finde es für dich heraus! Nimm dir nach dem Essen Zeit, noch in Ruhe zu sitzen und zu spüren wie es dir geht. Bist du angenehm genährt und erfüllt?
Abschließend noch ein Ausschnitt aus der Bhagavad Gita (Krishna spricht zu Arjuna) bei dem wir wieder darauf hingewiesen werden, dass es im Leben und beim Essen um das richtige Maß geht:
Nicht ist ein Yogi, wer zu viel,
Noch auch wer nichts isst, Arjuna,
Noch wer zu viel des Schlafes pflegt,
Noch wer stets wacht, o Pandava.
Wer maßvoll speist und sich erholt,
Wer maßvoll handelt jederzeit,
Wer maßvoll schläft und maßvoll wacht,
Bei dem tilgt Yoga jedes Leid.
Bhagavad Gita, VI, 16-17
Wir wünschen dir viel Freude beim Experimentieren, beim Zubereiten, beim Einkaufen, beim Schmecken.

